Kämpfer-Typ und Stärke zeigen – bin das eigentlich ich?

28. Juni 2021

Ich erinnere mich an meine ersten Bedenken, bevor ich mit Wing Chun nach dem Konzept von Sifu Akin Özden angefangen habe: Ich bin doch gar nicht so der Kampfsport-Typ, da hab ich auch gar keinen Spaß dran. Natürlich können Frauen kämpfen und Kampfsport betreiben, keine Frage. Fun fact: Wing Chun wurde damals sogar von zwei Frauen entwickelt. Aber ist das wirklich mein Ding? Sich gegenseitig hobbymäßig zu schlagen? In meinem Kopf tauchten völlig überzogene Bilder von Wrestling-Frauen auf, die nicht zu mir passen wollten. Jetzt weiß ich, dass diese Bilder in etwa so zutreffend sind, als ob jemand mit dem Laufen beginnen möchte, aber sich fragt, ob er oder sie wirklich für den Iron Man geschaffen ist.

Zum Kämpfen gehört für mich Aggression, Wut – das sind Eigenschaften, die ich nicht fördern möchte. Anfangs meinte ich, dass das Thema Weiblichkeit hier eine Rolle spielen würde, aber das habe ich schnell verworfen, denn was man mit dem Frausein verbindet, ist ja mitnichten auf zart und empfindsam sein beschränkt, diese Schublade gehört in ein anderes Jahrhundert. Also geht es eher um die Frage, die zwei Gegensätze miteinander zu vereinen: Kämpfen und Rückzug.

Eine selbstbewusste, durchsetzungsstarke Frau zu werden, das kam mir erstrebenswert vor und so dachte ich, dass ich mich schon irgendwie umkrempeln kann, damit mein leises, zurückhaltendes, nachgebendes Ich zu dieser Frau werden kann. Die gute Nachricht ist allerdings, dass man sich im Wing Chun nicht umkrempeln muss. Man legt sich eine kämpferische Seite zu oder vielleicht entdeckt man sie auch eher, als dass man sie sich zulegt, kann aber schon noch die zarten, zerbrechlichen und empfindsamen Seiten behalten. Das klingt sicherlich trivial. Und doch holt mich manchmal ein ungesunder Perfektionismus ein. Dann habe ich den Eindruck ich müsste mich überall behaupten, unangenehmen Dingen die Stirn bieten, jetzt da ich mich ja schließlich dazu entschlossen habe, Kämpferin zu sein. Interessanterweise geht das sogar ganz am Kern des Wing Chun vorbei.

Es geht darum, einen Schalter umzulegen und präsent und kämpferisch zu sein, wenn es angemessen und nützlich ist. Wut und Aggression sind beispielsweise, obwohl sie in der Gesellschaft meist negativ empfunden werden, auch mit Kraft verbunden. Die Wut hilft dabei, körperlich in Aktion treten zu können. Natürlich kann die Emotion auch die eigenen Möglichkeiten einschränken, nicht umsonst sagt man jemand sei „blind vor Wut“. Wer, wie ich, aber eher Sorge hat, dass sie vor Angst erstarrt, für die ist es durchaus nützlich, die Wut sozusagen einschalten zu können.

Ist dieser Kampf-Schalter allerdings ständig angeknipst, ist es eine Energieverschwendung, die der Körper dann auch über Erschöpfung mitteilt. Man kann sich sowohl körperlich auspowern („kein Problem, die Kisten schlepp ich schon noch, ich trainiere ja jetzt“) als auch mental („vor der Auseinandersetzung weiche ich nicht zurück, ich muss ja Stärke zeigen“). Der Unterschied, wann sich kämpfen eigentlich lohnt und wann nicht, das ist Teil des Trainings.

Sich behaupten zu können muss dabei noch nicht einmal eine Kampfszene sein, wie man sie aus Filmen kennt, sondern es geht auch um die klitzekleinen Kämpfe im Alltag: Sich bei einer Servicehotline beschweren und nicht abgewimmelt werden oder bei einer Verhandlung ein Angebot ablehnen, damit man ein anderes, passenderes bekommt. In diesen Situationen hilft mir ein Kämpfergeist, der nicht darauf ausgerichtet ist, eine andere Person völlig fertig zu machen, sondern der einfach nur einen gewissen Widerstand leistet und mich selbstbewusst auftreten lässt.

Um noch einmal auf den Anfang zurückzukommen, ob das überhaupt Spaß macht: Was mir am Wing Chun gefällt, ist, meinen Körper besser kennenzulernen, beispielsweise in der Koordination: Wenn ein Arm zur Abwehr ausreicht, dann muss der Rest sich nicht anspannen. In welchem Winkel kann ich dem immensen Druck eines gegnerischen Angriffs standhalten, ohne Muskelberge in Armen oder Beinen zu haben? Oder aber wo genau ist der Punkt, an dem die Körperspannung in einer Drehung so stark ist, dass der Körper von sich aus einen sinnvollen Ausgleich macht? Welche Möglichkeiten gibt es, rein anatomisch, seine Hände wieder frei zu bekommen, wenn sie einem beide kraftvoll festgehalten werden? Um diese körperlichen „Überraschungen“ geht es auch in dem Erfahrungsbericht #2 Vom Ungewissen zum Unglaublichen.

Der Fokus liegt gar nicht im „sich gegenseitig schlagen“. Trainiert werden Fähigkeiten, die einen aufmerksamer und handlungsfähiger werden lassen – was die Umgebung anbelangt, den potenziellen Gegner aber auch den eigenen Körper. Wenn ich so darüber nachdenke, kann auch diese Aufmerksamkeit zu dem Begriff „Stärke“ dazu gehören: Ich bin stark, weil ich handlungsfähig bin. Und es hört auch nicht bei Aufmerksamkeit auf. Der Kopf wird im Wing Chun u. a. in Selbstbeherrschung, Durchhaltevermögen und Willenskraft trainiert. Es geht also auch darum, die eigene Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Ich bin bisher beispielsweise immer diejenige gewesen, der zuhause die besten Reaktionen oder Argumente eingefallen sind – die ich allerdings schon vor Stunden, mitten in der Situation, gebraucht hätte. Durch das Wing Chun-Training kann man lernen, insgesamt schlagkräftiger zu werden. Was in diesem Zusammenhang ein wirklich passendes Wort ist, weil das sowohl auf Gedanken als auch auf Hände zutrifft.

Um ein Kämpfer-Typ zu sein, muss man demnach nicht blutend im Ring stehen; mit zwielichtigen Kerlen im Hintergrund, die Wetten auf einen abgeschlossen haben (ja, ich habe eindeutig zu viele Filme gesehen). Jede und jeder trägt seine Alltags-Kämpfe aus, mit der Firma, die sich noch nicht wie versprochen zurückgemeldet hat oder mit sich selbst, weil man sich ein Ziel beim Workout gesteckt hat oder Gewohnheiten ändern möchte. Dafür kann man lernen, innere und äußere Stärke zu zeigen. Also bin ich das – Sind Sie das – ein Kämpfer-Typ? Ich für meinen Teil kann sagen: Ja und das macht sogar Spaß!