#6 Verhalten in bedrohlichen/gefährlichen Situationen: Erfolgreich schützen

20. August 2019

Um euch zu zeigen wie man sich erfolgreich schützen kann, bzw. wie man die Folgen eines solchen Zwischenfalls abmildern kann, möchte ich jetzt unser Szenario etwas anders darstellen. Dieses Mal mit einem etwas besseren Ausgang.

Nachts, allein, im Dunkeln, im Wald/Park Version 2


Eine junge Studentin möchte in Hamburg Joggen gehen. Sie ist erst vor kurzen zugezogen und kennt sich noch nicht so gut aus. Sie wohnt im Stadtteil Wilhelmsburg und entscheidet sich für eine Runde im Inselpark. Da sie sich vom stressigen Alltag erholen möchte, entschließt Sie sich zu einer Trainingseinheit zu einer späteren Stunde. Sie trifft ihre Nachbarin beim nach Hause kommen im Hausflur. Sie weiß, dass die Nachbarin auch regelmäßig laufen geht. Sie hat die Nachbarin nämlich bereits beim Laufen gesehen. Sie fasst sich ein Herz und fragt, ob Interesse an einer gemeinsamen Runde besteht. Sie verabreden sich für den späteren Abend.

Als die junge Studentin erzählt, das sie gerne eine Runde im Inselpark ausprobieren möchte, die sie in ihrer App gesehen hatte, winkt die Nachbarin ab. Das wäre abends nicht so ohne, es hätte vor Kurzem dort nämlich Übergriffe auf Joggerinnen gegeben. Besser wäre es, im anliegenden Rathauspark ein paar kleinere Runden zu drehen. Da wären mehr Menschen, es ist besser beleuchtet und sie, die Nachbarin, kenne sich dort viel besser aus.

Als die beiden loslaufen, ist es bereits dunkel. Die Ohrhörer bleiben in der Tasche. Die beiden Frauen unterhalten sich beim Laufen und die Nachbarin steuert zielsicher den Rathauspark an. 
Dort ist immer noch etwas los und die beiden jungen Frauen begegnen einigen anderen Joggern, während Sie ihre Runden drehen. In der Nähe des Mengeparks fällt der Nachbarin eine dunkel gekleidete Gestalt auf, die hinter einem Busch neben dem Laufweg hockt. Sie weicht ein Stückchen zur Seite aus und lässt dabei die Gestalt nicht aus den Augen. Die Gestalt ist ein junger Mann in dunklen Klamotten, der hinter den beiden aus seinem Versteck hervortritt und den beiden hinterherruft: „Hey, wartet mal kurz…bleibt stehen.“ Die Nachbarin ruft zurück: „Nein danke, wir haben es eilig.“
Die beiden lassen den jungen Mann durch Schulterblicke nicht aus den Augen und joggen weiter. Im einen Augenblick stand dieser noch mitten auf dem Weg und im nächsten Moment ist er plötzlich verschwunden. 


Die beiden entscheiden sich, nach dieser sehr unheimlichen Begegnung, auf dem direkten Wege den Park zu verlassen. Sie steuern daher die Mengestraße an, wo um diese Uhrzeit noch viel Verkehr herrscht und eine Tankstelle liegt. Durch die guten Ortskenntnisse der Nachbarin verlieren sie keine Zeit und haben fast das Ende des Parks erreicht, als es plötzlich auf der linken Seite im Gebüsch raschelt und knackt. Der junge Mann bricht aus dem Gebüsch hervor, packt sich die Studentin und versucht sie mit seiner Hand zu knebeln und in das Gebüsch zu zerren.
Die Nachbarin überwindet den ersten Impuls, einfach schreiend wegzurennen und attackiert den Angreifer. Sie schlägt mehrfach mit der Handfläche gegen den Kopf des Angreifers und schreit ihn an. Mit so viel Gegenwehr hat der Angreifer nicht gerechnet und dreht sich in Richtung der angreifenden Nachbarin. Diese verkürzt die Distanz durch einen Schritt nach vorne, packt den Hinterkopf des Angreifers, der die Studentin immer noch festhält, und führt mit dem anderen Arm einen Ellbogenstoß aus. So wie sie es in einem Selbstverteidigungskurs gelernt und geübt hat.
Sie trifft die Nase. Es knackt laut, der Angreifer fängt sofort stark an, aus der Nase zu bluten und löst sichtlich benommen den Griff um die Studentin. Er fällt hin, rappelt sich benommen wieder auf und flüchtet in das nächste Gebüsch. Die Studentin steht sichtlich unter Schock und fängt an zu zittern und zu weinen. Die Nachbarin, hakt sich bei der jungen Studentin ein und zerrt sie förmlich Richtung Mengestraße /Tankstelle.

Sie versuchen zunächst ein paar Autofahrer auf sich aufmerksam zu machen, aber keiner hält an.
Erst als beide an der Tankstelle angekommen sind, werden andere Autofahrer und das Tankstellenpersonal auf die Situation aufmerksam. Da die junge Studentin von dem Angreifer vollgeblutet wurde, ist den Helfenden zunächst unklar, ob die Studentin verletzt ist oder nicht.
Neben der Polizei wird daher auch vorsichtshalber ein Krankenwagen alarmiert.

Die Studentin steht noch unter Schock und ist kaum in der Lage sich den bald eintreffenden Polizisten mitzuteilen. Die Nachbarin kann aber neben einer detaillierten Schilderung des Tathergangs auch genaue Ortsangaben gegenüber den Polizisten machen. Sie liefert eine gute Personenbeschreibung des Angreifers. Anhand dieser Täterbeschreibung wird eine Sofortfahndung durch die Polizei eingeleitet. Der Täter wird kurze Zeit später auf der anderen Seite des Parks gestellt. Die Studentin wird vorsichtshalber in ein Krankenhaus gebracht. Da sie Kontakt mit dem Blut des Angreifers hatte, muss ausgeschlossen werden, dass sie sich mit einer ansteckenden Krankheit infiziert hat. Die Blutspuren werden durch die Polizei kriminaltechnisch gesichert.

Anhand der Zeugenaussagen, der gesicherten DNA-Spuren und weiteren Beweisen, gelingt der Staatsanwaltschaft eine rechtskräftige Verurteilung. Der Prozess zieht sich aber trotzdem fast über 18 Monate, bis ein rechtskräftiges Urteil gesprochen werden kann.

Die Studentin hatte den Angriff zwar körperlich unversehrt überstanden, hatte aber unmittelbar nach dem Übergriff zahlreiche psychische Probleme: Sie hatte große Schwierigkeiten sich zu konzentrieren. Das Studium fiel ihr schwer. Sie hatte Schlafstörungen und Albträume sowie Flashbacks. Sie reagierte dann auch körperlich und fing unvermittelt an zu zittern. Sie traute sich alleine nicht mehr aus dem Haus und musste bei vielen alltäglichen Dingen von Vertrauenspersonen unterstützt werden.
Erst als sie die psychologischen Hilfsangebote angenommen hatte, fing sie langsam wieder an, Interesse an alltäglich Aktivitäten zu bekommen. Sie fand wieder Anschluss an ihr Studium und lernte neue Leute kennen. Aber auch mit der Nachbarin hielt sie Kontakt: Sie waren zwar nicht mehr im Park an der Stelle joggen, sie besuchten aber beide nun den selben Selbstverteidigungskurs. Sie mussten natürlich beide auch gegen den Täter vor Gericht aussagen. Aber als das Urteil gesprochen worden war, konnten beide mit den Ereignissen abschließen. Der Täter wurde auch wegen anderen Taten, zu insgesamt 9 ½ Jahren verurteilt. Den beiden wurde während der Gerichtsverhandlung klar wie viel Glück sie in der Sache gehabt hatten. Denn der Übergriff hätte um einiges schlimmer ausgehen können. Nur das beherzte Eingreifen der Nachbarin konnte schlimmeres verhindern und den Angreifer in die Flucht schlagen.

Mein Fazit

Unsere Hauptdarstellerin blieb zwar durch dem entschlossenen Handeln ihrer Nachbarin unverletzt. Sie hatte aber mit den Folgen des Überfalls zu kämpfen. Das ist leider auch genau die Erfahrung, die ich mit Betroffenen gemacht habe. Viele sind jahrelang bzw. schlimmstenfalls ein Leben lang damit belastet, weil selbst nach dem Ereignis keine vernünftige Nachsorge betrieben wurde. Aber auch Menschen, die noch nie eine bedrohliche Situation erlebt haben, fürchten sich alleine bei dem Gedanken. Diese Angst allein kann schon ernst zunehmende Konsequenzen haben und dazu führen, dass die Betroffenen deutlich weniger Lebensqualität haben und sich einschränken.

Ich kann daher nur empfehlen:
Nehmt euch die Zeit und setzt euch mit bedrohlichen Situation auseinander. Am besten, bevor etwas passiert. 
Seien es Überfalle, Schlägereien oder aber sexualisierte Gewalt. Jeder hat seine eigenen Bedrohungsszenarien von denen er sich fürchtet, oder die er erleben musste.
Lernt Selbstverteidigung. Trainiert den Umgang mit solchen Situationen.
Lasst euch in Erster-Hilfe-Kursen schulen und informiert euch über aktuelle Ereignisse in der Nähe. Nehmt die zahlreichen Angebote zur Gewaltprävention bei der Polizei oder im Internet in Anspruch. Damit schafft ihr nicht nur für euch Sicherheit, sondern schafft es auch, anderen Menschen in bedrohlichen Situationen zur Seite zu stehen und Angriffe abzuwenden, ohne die Eigensicherung aus den Augen zu verlieren. Hört auf, Angst zu haben und steckt die Energie lieber in die Prävention.
Lebt euer bestes Leben ohne selbstauferlegten Einschränkungen oder Furcht.