#5 Verhalten in bedrohlichen/gefährlichen Situationen: Nachsorge

20. August 2019

Die einzelnen Teile dieser Kolumne bauen aufeinander auf. Die vorigen Teile noch nicht gelesen? Hier beginnen: Bedrohliche Situationen – Vorwort von Maximilian Faßbender

Die Nachsorge nach einer bedrohlichen Situation oder Übergriff ist zwingend erforderlich und ebenso entscheidend für eine erfolgreiche Bewältigung. Sie gliedert sich in unterschiedliche Bereiche, von denen ich einige wichtige hervorheben möchte. Denn selbst wenn die Maßnahmen aus Prävention und Intervention funktionieren und man bspw. eine Situation deeskaliert oder entschärft, sollte man sich um die Nachsorge kümmern.
Fallbezogen eine Anzeige erstatten, Beweise sichern lassen, anwaltlichen Rat hinzuziehen oder sich in medizinische-psychologische Betreuung zu begeben sind nur einige Beispiele hierfür.

Gerade als Betroffener ist es manchmal nach einem Überfall sehr schwierig sich davon freizumachen und die Energie aufzubringen sich der Nachsorge zu stellen. Daher passiert es erschreckend häufig, dass Opfer von Überfällen sich gar keine Hilfe holen und auch keine Anzeige erstatten. Dabei ist die richtige Nachsorge nach einem Überfall so wichtig. Nicht nur für das eigene Wohlergehen, sondern auch in Hinblick auf die Strafverfolgung der Täter.

Wenn man Opfer einer Straftat wird, sollte man sich von Anfang an professionell unterstützen lassen bspw. durch Rettungskräfte, die Polizei, Ärzte und Psychologen.


Was soll man konkret tun, wenn etwas passiert ist?

Zuerst sollten Verletzungen versorgt bzw. Erste Hilfe geleistet werden bis die Rettungskräfte eintreffen. Es sollten aber bei Gewalt- oder Sexualverbrechen immer auch Beweise gesichert werden. Diese können, neben der eigenen Zeugenaussage bei der Polizei, das entscheidende Beweismittel sein und wichtige Hinweise geben. Diese Beweismittel können festgefahrenen Ermittlungen einen neuen Ermittlungsansatz verleihen und im besten Fall dazu beitragen, dass ein weiterer Fall aufgeklärt oder verhindert wird.
Auch wenn nach einem Angriff der Täter entkommen konnte, hat er möglicherweise bei der handgreiflichen Auseinandersetzung kriminalistisch verwertbare Spuren hinterlassen. Dies können neben Fingerabdrücken auf Gegenständen, Gen-Materialien sein (bspw. Haare, Speichel, Hautschuppen, Sperma) oder aber auch Fußabdrücke oder Gegenstände (manch Täter hat schon seinen Personalausweis am Tatort zurückgelassen). Dabei ist es aber unbedingt notwendig, dass die Spuren professionell gesichert werden (i.d.R. von der Polizei am Tatort). Nur dann sind diese auch gerichtsverwertbar!

Die Zeugenaussage ist ein weiteres wichtiges Beweismittel. Neben der Beschreibung des Täters, sind vor allem die Aussagen über die Geschehnisse wichtig. Da man aber (wie in der Episode der Intervention beschrieben) noch unter dem Adrenalin steht, fällt das Denken oder Reden schwer.
Erst wenn man die ersten Eindrücke verdaut hat, kann der Kopf nach und nach wieder frei und klar werden. Beachtet bitte daher: 

Ihr könnt eine gerichtsverwertbare Aussage auch zu einem späteren Zeitpunkt machen und müsst euch nicht unmittelbar nach der Tat der Befragung stellen.


Hier kann es auch sinnvoll sein, sich durch einen Anwalt beraten zu lassen. Gerade in den Fällen, in denen man sich mit seiner Aussage vielleicht selbst belasten würde, empfiehlt es sich, einen Anwalt zu konsultieren, der sich mit dem Strafrecht ganz genau auskennt. Daran ist nichts verwerfliches.

Einen praktischen Tipp an dieser Stelle: Schreibt euch eure Erinnerungen und Wahrnehmungen auf. Gerade wenn Sie frisch sind. Aber auch dann, wenn sie nach und nach ins Bewusstsein kommen. Seien es weitere Details zum Angreifer, zur Umgebung oder zum zeitlichen Ablauf. Schreibt einfach alles auf. Wenn man dann im Rahmen einer späteren Befragung durch die Polizei oder vor Gericht aussagen muss, kann dies ein wichtiges Hilfsmittel sein, wahrheitsgemäß und umfassend auszusagen.

Ein weiterer Hinweis: Teilweise ist man nach der Tat damit konfrontiert, dass man einen Strafantrag unterschreiben und stellen muss: Hierbei gilt zu beachten, dass bestimmte Deliktformen/strafbare Handlungen (sog. Antragsdelikte) nur dann durch die Behörden verfolgt werden, wenn man auch einen Strafantrag neben der eigentlichen Anzeige stellt.
Dieser Strafantrag ist ein Schriftstück, welches von euch unterschrieben werden muss. 
Beispiele für Antragdelikte sind Beleidigung gemäß § 185 StGB (absoluter Antragsdelikt) oder die Körperverletzung gem. §223 StGB (relativer Antragsdelikt).

Bitte denkt immer daran, dass Polizisten, Staatsanwälte und Richter ein großes Interesse haben Verbrechen zu Verfolgen und die Täter zu bestrafen. Häufig sind die Opfer dabei die Dreh- und Angelpunkt von Ermittlungen. Das kann für Betroffene eine große Belastung sein und es ist vollkommen legitim, sich moralischen und emotionalen Beistand zu holen. Viele Opfer fühlen sich häufig doppelt geschädigt: Einmal durch die eigentliche Straftat und ein weiteres Mal durch die bohrenden, unangenehmen und auch intimen Fragen der Ermittler. Hierbei sollte man nie vergessen, dass dies eben auch zu dem Berufsbild eines Polizisten gehört.

Hilfseinrichtungen und Betreuungsangebote

Losgelöst von der Strafverfolgung, an dessen Ende hoffentlich eine straf- und zivilrechtliche Verurteilung (idealerweise Haftstrafe + Schmerzensgeld) steht, gibt es auch andere Hilfestellungen für Betroffene, um mit den Folgen der Tat klar zukommen. In Deutschland gibt es zahlreiche Einrichtungen, die durch Informations- und Betreuungsangebote zielgerichtet bei der Bewältigung unterstützen. Sehr bekannt ist dafür der „Weisser Ring e.V.“, der den Opfern von unterschiedlichen Straftaten Hilfestellungen bietet. Aber auch Dienste wie ODABS (Online Datenbank für Betroffene von Straftaten) können schnell einen Überblick über die Hilfsangebote in der eigenen Nähe aufzeigen.   

Auch das Erlernen von Selbstverteidigung kann ein sinnvoller Schritt zu einem angstfreien Leben sein.

Das Gefühl für den Ernstfall besser gewappnet zu sein, kann nach einer bedrohlichen Erfahrung den Alltag erleichtern und diesen wieder freier gestaltbar machen.


Hierbei geht die Nachsorge fließend in die Prävention über: Nach der Tat ist vor der Tat und ich unterstütze durch das Training nicht nur eine Bewältigung der Ereignisse, sondern ich bereite mich besser auf die nächste kritische Situation vor.

Wichtig: Jeder Mensch sammelt unterschiedliche Erfahrungen und geht damit auch unterschiedlich um. Es ist keine Schande und Makel, sich schon nach einer „kleinen“ bedrohlichen Situation professionell helfen zu lassen. Auch wenn vermeintlich kein Verbrechen stattgefunden hat, sollte man die Polizei verständigen. Auch wenn man vielleicht nur beleidigt und bedroht wurde: Der nächste wird vielleicht tätlich angegriffen!
Es ist außerdem wichtig sich mit jemanden über das Erlebte auszutauschen. Das kann ein guter Freund sein, ein Familienangehöriger oder eine andere Vertrauensperson. Falls die Folgen des Erlebten dramatische Züge annehmen, kann auch die Konsultation eines Psychologen notwendig werden.

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