Angsträume

9. März 2021

Auf dem Nachhauseweg in der U-Bahn-Station – es ist menschenleer und gut ausgeleuchtet. Trotzdem ertappe ich mich dabei die Ohren zu spitzen, im Augenwinkel die Ausgänge im Blick zu behalten und denke: „als Frau, hier so alleine…“. Aber es besteht eigentlich gar kein Grund für dieses leichte Unbehagen – es ist ja noch nicht einmal jemand da und überhaupt, rede ich mir dann ein, das muss man doch nicht immer so dramatisieren. Aber dieses Gefühl bleibt im Hintergrund noch da. Oder – die klassische Situation – die Unterführung. Eine tief liegende Betondecke, Grafitti an den Wänden, hier und da ein paar leere Frittenboxen. Am anderen Ende stehen drei Männer zusammen. Unterhalten sich in ganz normaler Lautstärke, nehmen mich kaum zur Kenntnis. Oder vielleicht doch? Aufrichten, Handtasche ein wenig fester greifen, Kopfkino ausschalten und ein ganz kleines bisschen schneller gehen. So kennt das wohl jede Frau und es gäbe viele weitere Beispiele.

Die Rede ist von sogenannten Angsträumen. Das Thema wird immer wieder öffentlich aufgegriffen und es setzen sich unter anderem Stadtplaner, Soziologen und Sicherheitskräfte damit auseinander. Im Allgemeinen sind damit Räume oder Plätze gemeint, in denen Menschen Angst empfinden. Unübersichtlichkeit, keine oder schlecht erkennbare Fluchtwege, Verwahrlosung durch Müll oder Unordnung, stark alkoholisierte oder pöbelnde Personen, zu wenig oder auch zu viele Menschen – all das macht Angsträume aus. Es geht um das Gefühl, keine Hilfe bekommen zu können oder, dass Hilfe vermutlich zu spät eintrifft. Mit anderen Worten: Es ist eine Angst vor der Ohnmacht in unangenehmen oder sogar gewalttätigen Situationen. In einer einsamen Gasse kann das ebenso der Fall sein wie in einer Menschenmenge (Stichwort sexuelle Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht 2015). Je nach erlebter Erfahrung kann es auch ein Hausflur oder sogar das eigene Wohnzimmer sein, meist sind jedoch öffentliche Räume gemeint.

Es geht dabei allerdings nie um die tatsächliche Bedrohung sondern immer um die subjektiv empfundene. Wenn ich nachts auf einer Straße unterwegs bin, Schritte hinter mir wahrnehme und ein schneller Blick über die Schulter verrät mir: Es ist ein Mann – dann habe ich ein anderes Angstempfinden, als wenn es eine Frau wäre. Ein gutes Beispiel ist hier auch ein menschenleerer, dunkler Wald, der im Vergleich zu einer Großstadt in der Kriminalstatistik ganz unten rangieren wird. Trotzdem fühlen sich viele Menschen dort unsicher. Ein Gebiet kann allerdings auch ohne die Erfahrung einer Bedrohungssituation zum Angstraum werden, z. B. wenn Ihnen ein Freund erzählt, er wurde in einer Straße ausgeraubt. Zuweilen wird bei diesem Thema auch von No-Go-Areas gesprochen, einem ursprünglich aus dem militärischen Umfeld entlehnter Begriff. Er beschreibt rechtsfreie Räume, in denen sich Polizei, Anwohner und Besucher nicht frei bewegen können. Mit dem Alltag haben No-Go-Areas für den Großteil der Menschen in Deutschland zum Glück nichts zu tun. Trotzdem werden Angsträume im Alltag möglichst gemieden.

Es gibt mehrere Strategien, die öffentlichen Räumen ein Sicherheitsgefühl zurückgeben sollen. Dazu gehören helles Ausleuchten und bauliche Veränderungen – ein klassisches Beispiel dafür sind Frauenparkplätze.  Auch Videokameras, Sicherheitspersonal oder verstärkte Polizeipräsenz sollen das unbehagliche Gefühl nehmen. Die sachliche Aufklärung, z. B. über Kriminalstatistiken soll zudem Klarheit in ein rein subjektives Thema bringen. Darüber hinaus gibt es mittlerweile Apps, mit denen man sich auf dem Heimweg begleiten lassen kann und Hotlines, bei denen man auf dem Nachhauseweg anrufen kann, wenn man keine Freunde oder Freundinnen mehr wecken möchte.

Das sind alles gute Ansätze, aber dieses Unbehagen im Alltag – das ist zum einen nicht auf öffentliche Räume beschränkt und lässt sich zum anderen leider nicht ganz „wegplanen“ oder „wegdiskutieren“. Sicherlich gilt das auch nicht nur für Frauen und doch scheint es nach wie vor ein Thema zu sein, mit dem sich vor allem Frauen identifizieren. Wenn ich selbst in so einer Situation bin, ist es meist gar keine konkrete Angst vor Gewalt – es ist vielmehr eine Hilflosigkeit gegenüber einer unerwarteten und unangenehmen Situation. Dieses unbehagliche Gefühl ist hilfreich, um nicht in risikoreiche Situationen zu gelangen. Ich möchte schließlich nicht gezielt in dunklen Parks herumlaufen, weil ich beweisen will, dass ich mich das traue („ich bin ja schließlich kein Opfer“) und mir nichts passiert („Deutschland ist doch ein sicheres Land“). Aber ich möchte mich dennoch nicht einschränken, ob ich mich nachts im öffentlichen Raum bewegen kann oder nicht.

Diese Situationen, in denen ich mich unvorbereitet fühle, wenn doch etwas passieren würde, lassen sich trainieren. Bin ich jemand, der sich wehrt oder falle ich in eine Schockstarre? An dieser Stelle setzt Selbstverteidigung an. Nicht nur, weil es Techniken gibt, die gewalttätige Angriffe tatsächlich abwehren, sondern es setzt schon bei diesen leicht unbehaglichen Alltagssituationen ein: Dadurch, dass im Training Stress im – wie es immer heißt – geschützten Rahmen erzeugt wird, ist auch eine Stresssituation im Alltag nicht mehr ganz so unangenehm. In Begleitung eines Personal Trainers ist es zusätzlich möglich, zu den eigenen Angsträumen zu gehen, gemeinsam die aufkommenden Emotionen anzuschauen  und schließlich den Handlungsspielraum zu vergrößern. Auf unerwartete Situationen reagieren zu können, das verkleinert für mich meine ganz persönlichen Angsträume im Alltag. Denn das trainiere ich im Wing-Chun nach dem Konzept von Sifu Akin Özden. Bei dem verwinkelten Keller im Mehrfamilienhaus ist mir vielleicht immer noch nicht ganz wohl, meine Sinne sind geschärft und das ist sicherlich auch richtig so. Aber ich kann ganz ruhig die Situation einschätzen – so ganz alleine…als Frau.